In 24‘586 Schritten rund um die Gemeinde

Vorbei an ehemaligen Schlachtfeldern, Zeugen der Industriegeschichte, moderner Siedlungsentwicklung und urbaner Architektur, durch den Wald und entlang von Wiesen und Feldern führte der Walliseller Bannumgang vom Samstag 5. Oktober auf rund 16 Kilometern entlang der Gemeindegrenze. Sowohl für die Teilnehmer als auch den veranstaltenden politischen Verein „die Mitte“ war der Anlass ein voller Erfolg.

Fabio Capelli weisst auf einen Grenzstein an der Grenze zu Opfikon hin 4

Ein bunter, zum Beginn noch mit Regenschirmen und Pelerinen ausgestatteter, Tatzelwurm mit 80 Füssen machte sich am Samstag beim Tambel dazu auf, die Gemeindegrenze zu erwandern. Die Route führte im Gegenuhrzeiger, also linksherum, rund um Wallisellen, wobei Martin Weber, Gründungsmitglied des politischen Vereins „die Mitte“ und Initiator des Bannumgangs bei seiner Begrüssung darauf hinwies, dass die Marschrichtung nicht politisch zu verstehen sei. An den Tennisplätzen vorbei in den Wald und übers Opfiker Feld konnte Fabio Cappelli, Vorstandsmitglied der „mitte“ und Wanderführer der ersten Etappe, schon bald auf einen ersten Grenzstein hinweisen, der den offiziellen Startpunkt des Bannumgangs markierte. Dieser führte weitgehend, aber nicht auf der gesamten Strecke exakt entlang der Gemeindegrenze. „Das war leider nicht überall möglich, sei es aufgrund von Bauten, aus Rücksicht auf die Landbesitzer“, erklärte Martin Weber.

Eine Schlacht und eine verfärbte Glatt

Der Opfiker Rietgrabenstrasse entlang, durch ein Wohngebiet, über die Wallisellerstrasse und durch das Au-Wäldchen entlang der Autobahn A1 führte der Weg ins Industriegebiet Aubrugg, wo an der Stelle der ehemaligen Bücke mit dem gleichen Namen ein erster Höhepunkt auf die 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wartete. Sie wurden erwartet von Albert Grimm, dem Dorfhistoriker und ehemalige Leiter des Ortsmuseums. Er berichtete aus früheren Zeiten, als Wallisellen auch schon an einer wichtigen Verkehrsachse lag. Die Aubrücke war damals die einzige direkte Verbindung zwischen Zürich und Winterthur. Ende des 18.Jahrhunderts fiel die Aubrücke gar einmal den Kriegswirren zum Opfer. Sie wurde in einer grossen Schlacht, die am 4. und 5. Juni 1799 auf heutigen Gemeindegebiet von Wallisellen stattfand, komplett zerstört. Die Koalitionsmächte Russland und Österreich bekämpften damals die Franzosen, die in der Region Zürich einmarschiert waren und der Bevölkerung im Zuge der Revolution Freiheit versprochen hatten. Eine 12 Kilo schwere Kanonenkugel sowie weitere Relikte aus diesem Krieg sind heute noch im Ortsmuseum zu sehen. Albert Grimm wusste aber auch Interessantes über die Glatt zu berichten, an deren Lauf es elf Mühlen gab. Die Herzogenmühle beispielsweise wurde bereits 1293 erwähnt. Grimm erinnerte sich an Zeiten in seiner Jugend, als die Glatt fast jeden Tag eine andere Farbe hatte, je nachdem welche Stoffe die Seidenweberei gerade färbte.

Die Zeugen der frühen Industrialisierung in Wallisellen begleiteten die Wanderer auf den nächsten Kilometern ins moderne Zwicky-Areal auf Schritt und Tritt. Der Name des urbanen Wohn- und Gewerbegebiets an der Grenze zu Dübendorf erinnert an die 1840 als Seiden- und Baumwollzwirnerei gegründete Zwicky & Co. die während vieler Jahre der grösste Arbeitgeber der Gemeinde war.

Zwist mit Dübendorf um jeden Quadratmeter

Dass Grenzen nichts statisch und seit vielen Jahrhunderten festgelegt, sondern bis in die heutige Zeit verhandelt werden, zeigte sich ebenfalls beim Zwicky-Areal. Die Bereinigung der Grenze zu Dübendorf im Zuge der Einzonung des Gebiets bereitete den Verantwortlichen der Gemeinde Wallisellen in den vergangenen Jahrzehnten einiges an Kopfzerbrechen. Alt-Gemeindepräsident Otto Halter, der mit seiner Frau Erika am Bannumgang teilnahm, erinnerte sich: „Es war ein langwieriger Prozess und mit Dübendorf wurde um jeden Quadratmeter gestritten.“

Der Grenzverlauf weist in diesem Areal deshalb einige Ecken und Kanten auf. Was mitunter auch Auswirkungen auf das Gewerbe hat: das kürzlich eröffnete Restaurant Brewhouse der Brauerei Hardwald, das sich auf Walliseller Boden befindet, konnte in diesem Herbst seinen Aussenbereich noch nicht in Betrieb nehmen: denn dieser befindet sich auf Dübendorfer Boden und von dort fehlte noch die entsprechende Bewilligung. Auf ihr Hardwald-Bier mussten sich die Bannumgangs-Teilnehmer aber noch bis zum Mittagshalt gedulden. Beim Znüni-Halt im Bistro ZwiBack wurden Kaffee und belegte Brote angeboten.

Von den ersten Siedlern zum Hörnligraben

Die Grenzwanderung führte weiter in Richtung Föhrlibuck, wo von der Anhöhe hinab nicht nur ein schöner Ausblick in Richtung Glattzentrum wartete, sondern erneut Albert Grimm mit weiteren interessanten Ausführungen zur jüngeren und älteren Vergangenheit von Wallisellen. So wusste er zu berichten, dass Pollenanalysen der ETH den Beweis erbracht hatten, dass die Gegend schon vor 8000 Jahren von Bauern bewohnt war, was sie zur ältesten Siedlung im Kanton macht. Auch bei den Kelten war Wallisellen ein beliebter Wohnort, wie sich unter anderem anhand der Bruchstücke einer Schale zeigt, die bei Wegarbeiten gefunden wurden und die heute ebenfalls im Ortsmuseum zu sehen ist.

Durch den samstäglichen Einkaufsverkehr führte der Weg weiter am Rand des Industriequartiers von Dietlikon in den Hörnligraben, wo mit Ueli Maurer ein weiterer profunder Kenner des Gebiets auf die Wanderer wartete. Der Riedener Landwirt, der einige der Felder im Hörligraben seit fast 70 Jahren bewirtschaftet, wies die Bannumgängler auf ehemalige und aktuelle Grenzverläufe hin, führte sie zu Grenzsteinen, die sich im hohen Gras versteckten und erzählte auch beim Mittagshalt in der Waldhütte noch einige Anekdoten aus der Vergangenheit. Bevor es durch den Hardwald und entlang der Opfiker Felder wieder zurück an den Ausgangspunkt ging, erhielten die Teilnehmer nicht nur die Gelegenheit, sich eine Wurst zu braten, sondern ihr neu erlangtes Wissen über die Gemeinde in einem Quiz zu testen und dabei schöne Preis zu gewinnen.

„Mehr über die Gemeinde erfahren“

„Früher war der Bannumgang für die Bürger eine Pflicht, heute soll er ein Vergnügen sein“, sagte Initiator Martin Weber. Sein Ziel war es den Mitgliedern des politischen Vereins „die Mitte“, aber auch allen anderen interessierten Wallisellerinnen und Walliseller ihre Wohngemeinde näher zu bringen. „Ich denke, das haben wir erreicht“, sagte der OK-Präsident zufrieden. Auch die Teilnehmer äusserten sich rundum positiv. „Ich wohne schon lange in Wallisellen und konnte doch noch einiges erfahren, was ich noch nicht wusste“, sagte zum Beispiel Maya Forrer, die sich bei den Organisatoren für die gelungene Veranstaltung bedankte. Für den Studenten und Musiker Reto Aeppli, der erst vor eineinhalb Jahren aus dem Tösstal nach Wallisellen gezogen war, war der Bannumgang eine willkommene Gelegenheit seine neue Wohngemeinde noch besser zu entdeckten. Und selbst Auswärtige mit beruflichem Bezug zu Wallisellen lockte der Anlass an: Markus Keller, seit sechs Jahren Geschäftsführer der  Walliseller Werke, wohnt eigentlich im Kanton Aargau kam aber trotzdem an einem freien Tag in seine Arbeitsgemeinde. „Ich dachte eigentlich, dass ich mittlerweile jede Ecke in Wallisellen kenne, konnte aber ebenfalls noch Neues entdecken“, sagte er.

Und eine beachtliche sportliche Leistung hatten die Teilnehmer an diesem Tag ebenfalls erbracht: der Schrittzähler im Smartphone von Otto Halter stoppte am Zielort bei genau 24‘586 Schritten und einer Distanz von 16,6 Kilometern.

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